Juni 14

Rückenschmerzen: Achtzehn Irrtümer die sich hartnäckig halten

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Im Spinat ist viel Eisen enthalten. Dieser Irrtum wurde bereits 1890 in die Welt gesetzt und hält sich bis heute.

Rückenschmerzen verursachen ca. 40 Millionen Fehltage pro Jahr. Sie zählen damit zur Volkskrankheit Nr. 1. Vieles würde sich vermeiden lassen, wenn sich manche Irrtümer nicht so hartnäckig halten würden.

Ist eine harte Matratze gut für den Rücken? Sollte man gerade sitzen? Ist Wärme bei Rückenschmerzen grundsätzlich zu empfehlen?

Das alles erfährst Du in diesem Artikel.

Teste und erweitere Dein Wissen mit den nachfolgenden Irrtümern.

Irrtum 1: Rückenschmerzen entstehen immer im Rücken

Immer ist immer falsch. Die Ursachen für Rückenschmerzen sind vielfältig. Neben den hier schon behandelten Themen wie dem Geldbeutel, High Heels und Flip-Flops oder dem Smartphone gibt es noch viele weitere Auslöser.

Fehlstellungen im Kiefer, stressbedingte Fehlhaltungen oder Organstörungen können ebenso zu Rückenschmerzen führen. Die Liste würde sich noch beliebig fortsetzen lassen.

Die Ursache ist nicht immer dort zu suchen, wo der Schmerz sitzt.

Wenn Schmerzen auftreten, denke nach, was ein paar Stunden oder Tage zuvor passiert ist. Hast Du eine ungewohnte Tätigkeit ausgeführt? Etwas schweres (falsch) gehoben?

Irrtum 2: Kälte im Winter verursacht mehr Rückenschmerzen

Der Wind pfeift um die Häuser und es ist kalt. Was machen also die meisten in dieser Jahreszeit? Sie bewegen sich weniger. Es ist viel gemütlicher sich auf der Couch in eine warme Decke einzukuscheln, als sich im Freien zu bewegen.

Die Kälte ist also nur auf den zweiten Blick dafür verantwortlich. Die Hauptursache liegt beim Bewegungsmangel.

Bewege Dich mehr. Hört sich einfach an. Ist es auch.! Es müssen nicht immer längere Trainingseinheiten von einer halben Stunde oder mehr sein. Auch kurze und dafür häufiger ausgeführte Tätigkeiten bringen mehr Bewegung in den Körper. Stellen Dir die Frage, ob Du nicht anstatt mit dem Auto auch zu Fuß zum einkaufen gehen kannst.

Irrtum 3: Ein Hexenschuss ist ein Bandscheibenvorfall

Wenn auch die Symptome oft ähnlich sind, gibt es dennoch große Unterschiede.

Unter einem Hexenschuss wird volkstümlich ein plötzlich auftretender, stechender, starker Schmerz in der Lendenwirbelsäule verstanden. Häufig strahlen die Schmerzen auch noch ins Gesäß und das Bein aus. Als Ursache für die Schmerzen sind Quetschungen und Einengungen des Ischiasnerv verantwortlich.

Eine ruckartige oder ungünstige Bewegung, falsche oder überhöhte Belastungen können einen Hexenschuss auslösen.

Bandscheiben haben einen weichen gallertartigen Kern und dieser wird von Bindegewebe umhüllt. Wenn das Bindegewebe um diesen Kern reißt und der Kern aus seiner Hülle heraustritt, spricht man von einem Bandscheibenvorfall. Der Kern drückt nun auf das Rückenmark und löst deswegen Schmerzen aus.

Hauptursache für Bandscheibenvorfälle sind Bewegungsmangel und Fehlhaltungen.

Der Begriff Hexenschuss stammt aus dem Mittelalter. Dort stellte man sich vor, dass Krankheiten von Elfen und Hexen mittels Pfeilschuss verursacht wurden.

Irrtum 4: Rückenschmerzen treten erst im höheren Alter auf

Diese Aussage könnte vielleicht vor 50 – 60 Jahren noch zugetroffen haben. Heutzutage haben schon Kinder mit Rückenschmerzen oder gar Bandscheibenvorfällen zu tun.

Eine Umfrage unter Kinderärzten deckt auch die Gründe für eine Zunahme in jungen Jahren auf:

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Mehr Statistiken findest Du bei Statista

Es läuft immer wieder auf das Gleiche hinaus. Zu wenig Bewegung verursacht viele Probleme im Körper. Kinder und Jugendliche zu mehr Bewegung zu motivieren sollte eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern sein.

Irrtum 5: Wärme tut immer gut

Weiter oben hab ich es schon erwähnt: Immer ist immer falsch. Es ist richtig, dass Wärme bei vielen Problemen Erleichterung bringt, aber eben nicht bei allen.

Wärme erhöht die Durchblutung im Gewebe und lockert die Muskeln. Bei entzündlichen Prozessen verstärkt sie aber die Schmerzen. Kälte dagegen wirkt entzündungshemmend.

Pauschal kann also nicht beantwortet werden, ob bei einem Problem nun Kälte oder Wärme hilft. Dazu kommt noch das jeder ganz unterschiedlich reagiert.

Irrtum 6: Bei Patienten mit Bandscheibenproblemen hilft nur noch eine Operation

Ein heißes Thema bei dem es vor allem um Geld und Bettenbelegung geht. In den Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie steht folgendes: „Bis zu 90 Prozent der symptomatischen Bandscheibenvorfälle können durch eine konservative Therapie beherrscht werden.“

Die Operation sollte das letzte Mittel sein, das angewendet wird.

Leider sieht die Realität anders aus. Es wird zu viel operiert und in den letzten Jahren ist, ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Statistiken gibt es hierzu genügend. 

Bevor man eine Operation in Erwägung zieht, sollte man zunächst alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft habe. Es empfiehlt sich auch mehrere Meinungen bei unterschiedlichen Ärzten einzuholen.

Irrtum 7: Jeder Sport ist gut für den Rücken

Nicht jede Sportart eignet sich bei Problemen im Bewegungsapparat. Insbesondere stark einseitige oder ruckartige Bewegungen sollten vermieden werden

Empfehlenswerte Sportarten sind:

  • Wandern
  • Walken
  • Yoga
  • Pilates
  • Wassergymnastik
  • (Rücken)Schwimmen, Brustschwimmen überstreckt die Halswirbelsäule und fördert das Hohlkreuz

Folgende Sportarten sollten vermieden werden da sie mit schnellen und ruckartigen Bewegungen einhergehen:

  • Golf
  • Tennis
  • Fußball
  • Wurfsportarten (Basketball, Handball)
  • Turnen
  • Sprung- und Wurfdisziplinen in der Leichtathletik

Regelmäßiger Sport hilft beweglich zu bleiben. Es muss aber nicht immer der Sport im Verein sein. Es gibt auch lokale Sportgruppen. Wichtig ist das regelmäßige Ausüben.

Irrtum 8: Rückenschmerzen sind immer ein rein körperliches Problem

Ein Problem, das sich körperlich zeigt muss nicht automatisch auch eine körperliche Ursache haben. Stress verursacht häufig auch körperliche Probleme.

Was Stress im Körper verursacht, habe ich im Artikel: „Stress – Vorgänge im Körper“ schon beschrieben. Es gibt Redewendungen die das verdeutlichen:

  • den Kopf hängen lassen
  • in die Knie gehen
  • es sitzt einem etwas im Nacken
  • etwas lastet auf den Schultern
  • die Nase voll haben
  • sich den Kopf zerbrechen
  • der Schreck sitzt in den Gliedern

Die wenigsten Erkrankungen haben eine rein körperliche Ursache. Die Psyche spielt oft eine nicht unerhebliche Rolle dabei und sollte mit beachtet werden.

Irrtum 9: Rückenschmerzen haben automatisch was mit Bandscheiben zu tun

Rückenschmerzen werden von vielen automatisch mit Bandscheiben in Verbindung gebracht. Viele Bandscheibenvorfälle machen gar keine Probleme. Sie werden nur durch Zufall festgestellt.

Viel häufiger sind verspannte Muskeln oder verklebte Faszien (Bindegewebe) für Schmerzen im Rücken verantwortlich. Mangelnde Bewegung ist hier wieder die Hauptursache.

Neben den Muskeln lassen sich auch Faszien „trainieren“. Ein empfehlenswertes Buch dazu hat der Faszien Forscher Robert Schleip geschrieben. Faszien-Fitness: Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport

Irrtum 10: Wer viel sitzt, bekommt automatisch Rückenschmerzen

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Meist werden bei sitzenden Tätigkeiten noch die Beine übereinander geschlagen. Oder der Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Es kommen hier wieder mehrere Faktoren zusammen, die zu Problemen führen.

Im Sitzen ist der Druck auf die Bandscheiben 40 % höher als im Stehen. Wer viel sitzt und sich zusätzlich nicht ausreichend bewegt, bekommt Probleme.

Mein Tipp: Nutze geeignete Bürostühle. Stehe mehrmals pro Stunde auf und setze dich wieder. Mache eine halbe Stunde Sport am Tag. Nehme die Geldbörse beim sitzen aus der Gesäßtasche.

Irrtum 11: Wer schwer hebt, schädigt den Rücken

Das stimmt so nicht ganz. Auch leichte Gegenstände, die falsch gehoben werden, können zu Problemen führen.

Es kommt viel mehr auf die richtige Technik beim Heben an. Klassisches Beispiel ist die Getränkekiste.

Tipps zum richtigen Heben und Tragen:

  1. Vor dem Heben schon Spannung im Rumpf aufbauen
  2. Die Beine arbeiten, nicht die Muskulatur in den Armen
  3. Das Gewicht möglichst nah am Körper halten

Irrtum 12: Ein Röntgenbild verschafft Klarheit bei Rückenschmerzen

Bildgebende Verfahren werden gerne und häufig eingesetzt. Therapiert wird dann nach den Schäden, die auf dem Bild zu sehen sind. Es ist aber meist unklar, ob diese Schäden auch die Beschwerden auslösen.

Eine ordentliche körperliche Untersuchung und Befragung bringt hier mehr Licht ins Dunkel.

Nicht alle Bandscheibenvorfälle und Schäden an der Wirbelsäule verursachen Schmerzen. Diese werden nur als Zufallsbefund bei anderen Untersuchungen entdeckt.

Irrtum 13: Harte Matratzen sind am besten bei Rückenproblemen

Klingt einfach. Jeder der unter Rückenschmerzen leidet, bekommt eine harte Matratze. Dabei ist eine harte Matratze nicht für jeden geeignet.

Es kommt vor allem auch auf die Schlafgewohnheiten an. Seitenschläfer, Bauchschläfer oder Rückenschläfer? Welches Kopfkissen wird verwendet? Passt der Lattenrost zur Matratze? Liegt die Ursache von den Problemen überhaupt an der Matratze?

Es gibt kann also keine allgemeingültige Empfehlung für eine Matratze geben!

Mein Tipp: Gehe in ein Fachgeschäft und lasse dich beraten. Diese bieten auch an, die Matratze über einen längeren Zeitraum zu testen. Der Preis von 500 bis 1000 € dafür sollte es Dir wert sein. Du verbringst immerhin ein Drittel Deines Lebens im Bett.

Irrtum 14: Schonen hilft dem Rücken am besten

Früher gehörte es noch zum Standard, dass bei Problemen im Rücken Bettruhe verordnet wurde. So wenig wie möglich Bewegung sollte es sein.

Doch wer rastet, rostet. Zwar können die Muskulatur und die Faszien nicht rosten, aber verkleben. Genau aus diesem Grund sollte man sich ausreichend bewegen. Auch bei Schmerzen im Rücken.

Ideal sind kurze Spaziergänge. Bewegung im (warmen) Wasser wie z.B. Wassergymnastik.

Irrtum 15: Ergonomische Sitzmöbel anschaffen und alles ist gut

Viel Sitzen führt nicht automatisch zu Rückenproblemen. Ebenso wenig vermeiden Ergonomische Sitzmöbel diese. Allenfalls können diese unterstützend wirken.

Das wichtigste ist immer noch und bleibt: Bewegung. Wer sich zu wenig bewegt dem helfen auch die besten Bürostühle wenig.

Zusätzlich zu guten Sitzmöbeln ist es wichtig Bewegung in den Alltag zu bringen. Im Büro richtet man sich dafür zusätzliche Laufwege ein.

Verbanne den Kopierer auf den Flur. Nehme den Aufzug statt die Treppe. Stehe zum telefonieren auf. Nutze  jede Möglichkeit, um dich zu bewegen. Auch die Mittagspause.

Irrtum 16: Männer und Frauen benötigen die gleiche Therapie bei Rückenschmerzen

Männer und Frauen haben vielleicht an den gleichen Stellen Rückenschmerzen. Die Ursachen hierfür sind jedoch stark unterschiedlich.

Frauen haben oft in der Halswirbelsäule Beschwerden. Männer in der Lendenwirbelsäule. Das liegt vor allem an den unterschiedlichen Berufen. Bei Frauen sind es mehr sitzende Tätigkeiten und bei Männern körperliche.

Andere Ursachen erfordern andere Therapien. Es ist immer sinnvoll die Ursache herauszufinden und zu beseitigen. Nur so wird man auf Dauer die Rückenschmerzen in den Griff bekommen.

Irrtum 17: Telefonieren mit dem Handy hat nichts mit Rückenschmerzen zu tun

Kann auch gar nicht sein. Man hält das Handy schließlich in der Hand.

Heutzutage wird ja mit dem Handy nur noch selten telefoniert. Viel häufiger wird gechattet. Durch das vorbeugen des Kopfes wird die Belastung auf die Nackenmuskulatur erheblich erhöht.

Deutlicher habe ich das im Artikel „Warum ein Smartphone Rückenschmerzen verursachen kann“ erklärt.

Mein Tipp: Mache dich nicht zum Sklaven Deines Smartphones. Verabrede dich und schaue dem anderen beim Gespräch in die Augen.

Irrtum 18: Gerades Sitzen ist gut für den Rücken

Früher musste man in der Schule immer grad Sitzen. Durch Forschungen an denen der Ulmer Dr. Peter Neef teilnahm wurde bestätigt das dies nicht gut ist.

Beim geraden Sitzen ist der Druck auf den Bandscheiben höher als beim herumlümmeln auf dem Stuhl. Im Liegen ist er am geringsten. Deswegen ist auch die Nachtruhe für die Regeneration der Bandscheiben so wichtig.

Lieber Zappelphillip als Statue. Starres Sitzen belastet die Bandscheiben stark. Mehr Bewegung, vor allem unterschiedliche, entlastet und hält geschmeidig.

Fazit

Es ist nicht immer alles richtig, was sich über jahrelang in den Köpfen hält. Vieles wird einfach ohne zu hinterfragen übernommen.

Vielleicht auch weil es „wissenschaftlich“ bewiesen ist. Doch was Wissenschaft ist, hat Linus Pauling schön formuliert:

Wissenschaft ist Irrtum auf den letzten Stand gebracht. Linus Pauling

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Machen Dir Deine eigenen Gedanken darüber und bleibe vor allen Dingen in Bewegung und somit gesund!

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irrtümer, rückenschmerzen


Jochen Pippir

Über den Autor

Heilpraktiker, Coach, Ortho-Bionomy® Practitioner und NLP-Practitioner (DVNLP) mit eigener Naturheilpraxis in Neu-Ulm/Pfuhl. Spezialisiert auf Erkrankungen des Bewegungsapparates und Ursachenfindung.

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